Summer School 2016

Erfahrungsbericht einer Teilnehmerin

Die diesjährige Summer School auf den Stufen des Golcanda Fort in Hyderabad

 

What do you think about India? Vignesh dreht sich vom Fahrersitz aus nach hinten zu uns um, sieht uns fragend an. Mit einem Auge behält er den dichten Verkehr im Blick. Es ist noch keine Stunde vergangen, seit unser Flugzeug hier am Flughafen in Coimbatore gelandet ist. Wir sind müde, geschafft, vollbeladen und überwältigt von den neuen Reizen. Am Flughafen wurden wir sogleich von indischen Studierenden in Empfang genommen. Nun sitzen wir mit Vijay und Vignesh im Auto und können noch gar nicht so recht glauben, dass wir nun hier sind. In Indien. Was denken wir über Indien? Auf unserem Vorbereitungstreffen haben wir bereits erste Dinge zu Geschichte und Gesellschaft erfahren. Eines ist uns im Gedächtnis geblieben: Die Diversität.

Was das Diverse – die Vielfalt – in Indien wirklich bedeutet, sollten wir während der zweieinhalbwöchigen Summer School des Bayerisch Indischen Hochschulzentrums erfahren. Mehr noch: Wir sollten es riechen, schmecken, erleben, hören, sehen, fühlen. Erste Station unseres Aufenthalts war Coimbatore, das wegen der dort ansässigen Textilindustrie als Manchester von Südindien bekannt ist. Eine Woche lebten wir auf dem Campus des PSG Colleges und hatten die Möglichkeit Vorlesungen zu Religion, Essen oder Politik zu hören. Wir lernten indische Gerichte zuzubereiten, besuchten verschiedene Unternehmen und durften in der Isha Foundation unmittelbar erfahren, welche Rolle Spiritualität und Yoga im täglichen Leben spielen. Am schönsten für mich war jedoch, dass wir Freunde finden konnten. Jeden Tag verbrachten wir Zeit mit den Masterstudierenden, die gerade einen Studiengang in German-Indian Management begonnen hatten. Während eines Projekttages mussten wir ein gemeinsames Thema und eine Präsentation darüber erarbeiten. Meine Gruppe beispielsweise beschäftigte sich mit dem Transportsystem in der Millionenstadt. Wir sahen Busstationen, Bahnhof, Flughafen – doch was viel wichtiger war: Wir hatten Zeit zu reden und uns kennenzulernen. Aus einer Kokosnuss trinkend, tauschten Amit, Lingesh, Tatjana, Thiyago und ich uns aus. Über die Zukunft, über Beziehungen, über unsere Realitäten.

Der Abschied nach einer Woche fiel schwer. Mit dem Flugzeug ging es weiter in die muslimisch geprägte Stadt Hyderabad. Ein langes Wochenende hörten wir auch hier spannende Vorträge, probierten das legendäre Hyderabadi Biriyani und lernten durch leuchtend farbige Laser auf dem Nachthimmel etwas über die Geschichte der viertgrößten Stadt Indiens. Besonders die Kontraste blieben uns hier im Gedächtnis: Fünf Sterne Hotel und Menschen ohne Bleibe, klimatisierte Räume, Flüsse voller Müll, verstopfte Straßen, scharfes Essen, süßer Chai. Und immer: Moscheen, Kirchen und Hindutempel direkt nebeneinander. Nie war mir bewusster, dass Verschiedensein auch bedeutungslos sein kann.

Unsere letzte Station war Bangalore in Karnataka, dem Partnerbundesstaat Bayerns. Täglich hörten wir auch hier Vorträge, lernten etwas über indische Musik, über interkulturelle Zusammenarbeit in Unternehmen wie Mercedes Benz, besuchten eine Deutschklasse im Goethe Institut, lernten das Konsulat kennen und probierten uns durch indische Craft Biere. Auf einem zweitägigen Ausflug in die Western Ghats ließen wir das Treiben der Millionenstadt hinter uns und hatten zwischen Teeplantagen, Kaffeepflanzen und Lagerfeuer eine schöne Zeit.

Kenne ich Indien nach der Summerschool? Eines weiß ich: Ich kenne nun eine junge Anwältin mit großen Ohrringen, die für die Rechte von Minderheiten kämpft. Einen Start-Up Gründer und Lebensphilosophen, der uns dazu angehalten hat, unsere Zeit zu nutzen, um etwas zu verändern. Eine hinduistische Ingenieurin, die ihren katholischen Verlobten heiraten wird und die Hürden der ersten interreligiösen Hochzeit in ihrer Familie nehmen will. Ich kenne junge Männer, die Ganeshas Geburtstag feierten und uns kurzerhand von oben bis unten mit Farbe bewarfen. Ein Erfinderehepaar aus einem Land, in dem überwiegend mit der Hand gegessen wird, das mit essbarem Besteck die Welt verändern möchte. Ich kenne einen extrovertierten Studenten aus Mumbai, dem das Leben in Coimbatore ziemlich reglementiert vorkommt. Eine Deutsche, die mit ihrem indischen Geschäftspartner die sexuelle Revolution in Indien vorantreiben will und online Liebesspielzeug verkauft.

Kenne ich Indien nun? Kann ich dieses große Land beschreiben? Alles, was ich an Essen und Gerüchen, Bauwerken und Natur, Unternehmen und Ideen, geschäftigem Treiben, Tanz und Musik sehen und erleben durfte, hat mich beeindruckt. Doch was für mich wirklich bleibt, ist etwas anderes. Es sind die einzelnen Menschen. Es sind immer die Menschen.

 

von Eva Kießling

 

 

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